In aller Regel finden Jurysitzungen hinter verschlossenen Türen statt. Erschütternde Nachrichten über die epochalen Dispute der Preisrichten dringen nur gerüchteweise nach außen. Wir haben deshalb versucht, anhand der Gebärden und Mundbilder den Juroren von den Lippen zu lesen. Hier folgt eine leider nicht mehr nachprüfbare Rekonstruktion…
Am 8. April tagte im Callwey-Verlag die Jury zum Architekturpreis “Häuser des Jahres 2011″.
Hier zeigen wir (wie es in Pressetexten gerne heißt) die „hochkarätige“ Jury (v.l.n.r.):
Paul Kahlfeldt (Kahlfeldt Architekten), Gerhard Matzig (Ltd. Redakteur Süddeutsche Zeitung), Sebastian Finckh (Jürgen Mayer H. Architekten), Peter Cachola Schmal (Direktor Deutsches Architekturmuseum), Wolfgang Bachmann (Herausgeber Baumeister), Thomas Kaczmarek (InformationsZentrum Beton).
Das ist also die Jury? Warum so ernst, meine Herren? ermunterte die Verlegerin, wollen wir nicht zuerst einmal zusammen etwas singen?
Aber die verantwortungsvolle Aufgabe der Juroren war es, aus über 180 Einsendungen treuhänderisch die Preisträger zu ermitteln. Da war Ernsthaftigkeit gefragt.
Der einstimmig gewählte Vorsitzende bat um eine faire Beurteilung und ein kollegiales Miteinander.
Gut war, dass die Preisrichter regelmäßig an den Übungen der Rückenschule teilgenommen hatten. Einige suchten zwischendurch, die tatsächlichen Dimensionen der großzügigen Grundrisse beim simulierten Ablaufen zu verstehen.
Extratouren und Sondervoten wurden nicht geduldet…
…und kamen sofort ins Protokoll.
Was macht eine Familie mit 1600 Quadratmeter Wohnfläche? fragte sich ein Preisrichter. In Waldtrudering, da gibt es Häuser…
Ist doch klar, Herr Kollege, wenn die Bevölkerung schrumpft, vergrößert sich für den Rest die Wohnfläche automatisch.
Ich hab’s gerade mal überschlagen: Da passt unser Haus vierzehneinhalbmal hinein.
Aber es hat nur ein Fünfzigstel gekostet!
Als Journalist halte ich mir das Wohnen für das Existenzminimum immer vor Augen.
Meine Herren, können wir die private Unterhaltung jetzt bitte einstellen!
Vierzehneinhalb mal… Wenn das Katharina erfährt.
Wie alt ist das Ding hier? Ist das aus dem modernen Antiquariat? Das muss ich Jürgen zeigen. Performativer Glattputz, phänomenal…
Perforierter Putz, Herr Kollege? Was soll das sein? Das sind ganz einfach Bauschäden in der Thermohaut.
Das ist Beton, prima Sichtbeton. Die konischen Löcher kommen von den Ankern der Schalung.
Das schreib ich mir sofort auf: Sichtbeton! Diese Schweizer. Sicht-be-ton… Was es alles gibt.
Aber der Abstand, zwei Finger breit, da kommt doch nie ein Sonnenstrahl hin.
Das ist doch maßstäblich verkleinert! Außerdem geht es um den städtischen Raum, nicht um private Extravaganzen. Zu viel Sonne erzeugt eh’ nur Hautkrebs.
Aber ohne Sonne…? Ich hab mal irgendwo gelesen, entweder bei Rudolf Steiner oder Dieter Bohlen, dass Nachhaltigkeit…
Wir können uns keine Nachhaltigkeit leisten, wenn wir die Vergangenheit ignorieren.
Moment mal, das haben wir gleich. Hier war ein wunderbares Holzhaus dabei, ich hab’s gefunden.
Was, das ist gar kein Beton? Ich dachte das auf dem Foto war erst die Schalung.
Ist doch egal. Erscheinung und Wirkung bestimmen sich aus der Aufgabe, Gestalt und Form resultieren aus der Konstruktion. Die Zeiten willkürlicher Verkleidungen aus geschmäcklerischen Texturen und beliebigen Materialien zur Verblendung einfachster Tragwerke sind vorbei.
Das war druckreif, das schreib ich mir auf für mein nächstes Buch: Meine Frau will einen Gärtner.
Dann sind wir aber flugs im 19. Jahrhundert. Hier sehen Sie…
…das ist nicht massiv. Verkleidung hin oder her: Das ist eine zweischalige Wand.
Wir haben auch eine historische Verantwortung. Hier ist zum Beispiel zufällig eine Arbeit…
…ich halte sie mal hoch, die…
…das haben Sie doch selbst gebaut!
Jetzt reicht es aber! Das nehmen Sie sofort zurück.
Sonst spiele ich nicht mehr mit.
Die sind so gemein. Das nächste Mal schick’ ich Petra.
So ein Kindergarten. Wir haben doch bis jetzt sehr gut gearbeitet, können wir nicht langsam zu einer Entscheidung kommen? Sonst machen wir jetzt Mittag, ich hab’ einen Bärenhunger.
Wir waren doch schon nahe dran.
Ich glaub’, mich tritt ein Pferd! Architekten haben von Architektur so viel Ahnung wie Vögel von Ornithologie.
Da hilft nur eine strenge Klausur. Wir gehen jetzt in den Tiefkeller und entscheiden im Dunkeln, wenn Sie sich von Bildern so ablenken lassen.
Ok. Mir auch zwei Helle für den Keller. Sonst halt’ ich das nicht aus.
Stunden später.
Na, ging doch. Sogar ohne Hammelsprung. Und alle freuen sich.
Damit stehen die Sieger fest. Ich danke der Jury für ihre konstruktive Arbeit.
Erstaunlich. Ich könnte da nicht drin wohnen.
Das war doch abzusehen. Für mich stand der Sieger von der ersten Minute an fest.
Die Journalisten, natürlich… Wissen immer alles von Anfang an besser.
Das Ergebnis können wir doch alle mittragen, nicht wahr? Dann rufen wir jetzt die Verlegerin.
Gruppenbild mit Dame.
Die Entscheidung der Jury wird im September mit Erscheinen des Buches mitgeteilt.
















































